Matthias Riedl hat zwischen 2024 und 2026 acht Bücher veröffentlicht. Bei zwei Verlagen gleichzeitig. Fünf Titel, an denen er als Autor beteiligt ist, stehen in der Spiegel-Bestsellerliste Essen & Trinken — auf Platz 1, 2, 4, 7 und 10.¹
Das ist eine Strategie.
Wer im Gesundheits-Sachbuch publiziert, steht vor einer Grundsatzfrage: Ein Buch alle vier Jahre, sorgfältig recherchiert, ein Werk? Oder zwei bis drei pro Jahr, thematisch diversifiziert, als Serie? Die erfolgreichsten Autoren im deutschsprachigen Markt haben diese Frage längst beantwortet — mit Verkaufszahlen.
Dieser Artikel untersucht, wie Publikationsfrequenz den Sachbuchmarkt verändert. Was die produktivsten Autoren anders machen. Und warum Fachautoren ohne TV-Marke eine andere Antwort brauchen als Riedl.
Acht Bücher in zweieinhalb Jahren
Riedl ist Ernährungsmediziner, NDR-Ernährungs-Doc und einer der produktivsten Gesundheitsautoren im deutschsprachigen Raum. Von 2015 bis 2019 publizierte er etwa zwei Titel pro Jahr. Ab 2020 verdoppelte sich sein Output. In der Hochphase 2022/23 waren es fünf pro Jahr. Aktuell liegt er bei gut drei.² Dabei publiziert er bei zwei Verlagen parallel: ZS für die Ernährungs-Docs-Reihe, GU für Einzeltitel. Longevity-Kochbuch mit Johann Lafer bei GU. Endometriose-Ratgeber bei GU. Anti-Bauchfett-Rezepte bei ZS. Die Themen überschneiden sich kaum. Die Vertriebskanäle addieren sich.
Das Ergebnis: Riedl steht nicht einmal auf Platz 1. Aber er ist immer in den Listen. Fünf Plätze in den Top 10 einer Bestsellerliste sind kein Spitzenerfolg. Es ist Flächendeckung.
Nicht nur Riedl: Wer noch beschleunigt
Riedl ist der Extremfall. Aber nicht der einzige mit steigender Frequenz.
Dietrich Grönemeyer hat zwischen 2024 und 2026 vier Bücher vorgelegt: Leben ohne Angst (Ludwig), Demenz (Ludwig), Natürlich altern! (Südwest), Meine Formel für einen gesunden Schlaf (Südwest).³ Vier Bücher bei zwei Verlagen, in vier verschiedenen Nischen. Sein Schlaf-Titel steht aktuell auf Platz 8 der Ratgeber-Bestsellerliste. Vorher publizierte er ein Buch alle ein bis zwei Jahre. Jetzt: fast zwei pro Jahr.
Bas Kast hat drei Titel zwischen 2024 und 2026 veröffentlicht: Warum ich keinen Alkohol mehr trinke, Lob des Unbequemen, Der Vitamin- und Nährstoffkompass.⁴ Der Nährstoffkompass steht aktuell auf Platz 12 der Sachbuch-Hardcover-Liste. Andreas Michalsen hat ebenfalls drei Titel vorgelegt, sein Scheinfasten steht auf Platz 4 der Ratgeber-Liste.⁵
Alle drei haben ihre Frequenz in den letzten fünf Jahren erhöht. Und sie diversifizieren über Themen und Verlage.
Die Gegenthese: Ein Buch reicht
Bevor die Schlussfolgerung zu einfach wird: Es gibt Autoren, die mit einem einzigen Buch zwischen 2024 und 2026 die Bestsellerlisten dominieren.
Eckart von Hirschhausen hat 2025 einen Titel veröffentlicht: Der Pinguin, der fliegen lernte (dtv). Ergebnis: Ratgeber-Jahresbestseller 2025, Platz 1.⁶ Giulia Enders hat Organisch (Ullstein, 2025) vorgelegt. Ergebnis: Spiegel-Jahresbestseller Sachbuch.⁷ Yael Adler hat Genial ernährt! (Droemer, 2025) veröffentlicht. Ergebnis: Spiegel Nummer 1.⁸
Ein Buch reicht also doch? Im Prinzip ja — unter Bedingungen.
Hirschhausen hat eine TV- und Bühnenmarke, die Millionen erreicht. Enders hat mit Darm mit Charme eine Kategorie geschaffen und über drei Millionen Exemplare verkauft. Adler ist TV-Ärztin bei Stern TV und rbb. Auch Nina Ruge (Ab morgen jünger!, Heyne, 2025) und Thomas Schulz (Projekt Lebensverlängerung, DVA, 2024) landeten mit je einem Titel auf der Spiegel-Bestsellerliste — Ruge über Prominenz, Schulz über eine Spiegel-Titelgeschichte als Vorspann.
Was diese Autoren gemeinsam haben: eine Plattform, die unabhängig von Büchern existiert. TV-Auftritte, Bühnen, Podcast-Reichweite, Prominenz. Das Buch holt ein bereits vorhandenes Publikum ab.
Was passiert, wenn beides fehlt
Anne Fleck hat 2024 eine Taschenbuch-Neuausgabe vorgelegt (Gesünder geht's kaum, ursprünglich 2022). Bernd Kleine-Gunk, Jörg Blech, Joachim Bauer: jeweils ein bis zwei Titel zwischen 2024 und 2026. Manfred Spitzer ebenfalls zwei, davon eine Taschenbuch-Neuausgabe. Keiner von ihnen steht aktuell in einer Bestsellerliste.⁹
Wer weder hohe Frequenz noch eine starke Plattform hat, verschwindet zwischen den Büchern. Selbst Kontroverse, einst Spitzers Aufmerksamkeits-Motor, trägt nicht mehr zuverlässig.
Frequenz, Plattform oder beides
Die beobachtbaren Fälle legen drei Modelle nahe. Die Stichprobe ist selektiv — sie bildet sichtbare Autoren ab, nicht den gesamten Markt. Aber die Muster sind deutlich genug für Hypothesen.
Modell 1: Hohe Frequenz (Riedl, Grönemeyer) Zwei bis vier Titel pro Jahr. Mehrere Verlage. Thematische Diversifikation. Ergebnis: Dauerpräsenz in den Listen, selten Platz 1, aber immer sichtbar. Breite statt Spitze.
Modell 2: Starke Plattform (Hirschhausen, Enders, Adler) Ein Buch alle zwei bis vier Jahre. Dafür millionenstarke Reichweite über andere Kanäle. Ergebnis: Einzelerfolge an der Spitze. Aber zwischen den Büchern: Sichtbarkeitslücke im Buchhandel.
Modell 3: Weder noch (Fleck, Kleine-Gunk, Blech, Bauer) Ein bis zwei Bücher zwischen 2024 und 2026. Keine TV-Marke. Ergebnis: Sichtbarkeitslücke.
Für Modell 2 braucht man eine bestehende Plattform. Die lässt sich nicht am Schreibtisch aufbauen. Modell 3 ist die Realität der meisten Fachautoren: Expertise vorhanden, Sichtbarkeit nicht. Bleibt Modell 1.
Die Multi-Verlag-Strategie
Ein Detail, das in der Branche ungewöhnlich ist: Riedl und Grönemeyer arbeiten mit mehreren Verlagen gleichzeitig. In der Belletristik sind Exklusivverträge Standard. Im Sachbuch offenbar nicht mehr.
Riedl publiziert bei ZS (Ernährungs-Docs-Reihe) und GU (Einzeltitel). Grönemeyer bei Ludwig (Sachbuch) und Südwest (Ratgeber). Michalsen bei Insel (akademisches Sachbuch) und ZS (Ernährungs-Ratgeber).¹⁰
Der Vorteil: doppelte Vertriebskanäle, doppeltes Verlagsmarketing, thematische Trennung. Die ZS-Reihe erreicht ein anderes Regal als der GU-Einzeltitel. Zwei Verlage bedeuten zwei Vorschauen, zwei Vertreterbesuche im Buchhandel, zwei Amazon-Produktseiten.
Für einen Autor mit Serienmarke (Ernährungs-Docs) und Einzeltitel-Ambitionen (Endometriose, Longevity) ist das logisch. Es setzt allerdings voraus, dass der Autor genug Manuskripte liefern kann.
Das Frequenz-Dilemma für Fachautoren
Ein typischer Fachautor im Gesundheitsbereich hat alles, was Riedl hat. Außer Zeit.
Die Expertise ist da. Die Nachfrage auch: Nach meiner Marktanalyse sind zwei Nischen im Medizin-Sachbuch praktisch leer, drei weitere dünn besetzt.¹¹ Was fehlt, ist die Kapazität, neben Klinik, Forschung und Lehre zwei bis drei Bücher pro Jahr zu produzieren.
Ein konventionelles Buchprojekt dauert 12 bis 18 Monate. Für einen Arzt mit Vollzeitjob ist das kaum leistbar. Oft ist genau das der Grund, warum das Buch nie geschrieben wird. Das Manuskript bleibt in der Schublade. Die Nische bleibt leer. Oder jemand anders besetzt sie.
Die Frequenz-Strategie der Top-Autoren verstärkt dieses Problem. Riedls Modell zeigt, dass eine starke Gesundheitsmarke Themenfelder schnell besetzen kann — auch dort, wo spezialisierte Fachautoren fachlich näher am Thema wären.
Warum US-Gesundheitsautoren langsamer publizieren
Im englischsprachigen Markt gilt ein anderes Modell. Peter Attia hat seit Outlive (2023) kein weiteres Buch angekündigt. Matthew Walker brachte in den neun Jahren nach Why We Sleep (2017) keinen zweiten Titel heraus. Bei Andrew Huberman ist Protocols mehrfach verschoben worden; aktuell September 2026 angekündigt.¹²
Das sind keine faulen Autoren. Das sind Autoren mit einem anderen Geschäftsmodell. Attia monetarisiert über Membership und Podcast, Walker über Masterclass und Beratung. Huberman bringt sein Geld über Supplements und den meistgehörten Gesundheitspodcast der USA. Das Buch ist ein Reputations-Asset, keine Einnahmequelle.
Im deutschen Markt ist diese Podcast-Monetarisierung kaum entwickelt. Für Riedl, Grönemeyer und Michalsen ist das Buch der Umsatzkanal. TV generiert Nachfrage, aber das Buch erzeugt den Umsatz. Mehr Bücher bedeuten mehr Umsatz. Das Buch scheint im deutschsprachigen Gesundheitsmarkt für viele TV- und Praxisautoren ein zentralerer Umsatz- und Reichweitenkanal zu sein als bei US-Podcast-first-Autoren. Die Frequenz-Strategie ist eine logische Konsequenz.
Was das für Fachautoren bedeutet
Der Ratgebermarkt schrumpft. Minus 4,5 Prozent Umsatzentwicklung bei Ratgebern 2024 (Börsenverein). Minus 7 Prozent 2025 (buchmarkt.de).¹³ Die Buchproduktion insgesamt ist seit 2015 um 26,6 Prozent zurückgegangen (der Börsenverein weist darauf hin, dass PoD und E-Books nur gering erfasst sind).¹⁴ Weniger Titel, weniger Regalplatz, mehr Konzentration auf wenige Autoren mit hoher Frequenz.
Für Fachautoren ohne TV-Marke bleibt eine Variable, die sich beeinflussen lässt: die Geschwindigkeit, mit der ein fundiertes Manuskript entsteht. Prominenz und Verlagskontakte sind gegeben oder nicht. Produktionszeit lässt sich reduzieren.
KI-gestützte Workflows verkürzen den Zyklus von der Idee zum druckfertigen Manuskript — quellenbasierte Recherche, integrierte Faktenvalidierung, Schlussredaktion. Das ersetzt keine Fachexpertise. Aber es macht den Unterschied zwischen einem Buch alle vier Jahre und zwei Büchern in zwölf Monaten.
Ob die gleiche Dynamik auch im Wirtschafts-, Politik- oder Wissenschaftssachbuch gilt, wäre eine eigene Untersuchung wert. Die strukturellen Treiber — schrumpfender Ratgebermarkt, Amazon-Algorithmus, Aufmerksamkeitskonkurrenz — sind nicht gesundheitsspezifisch.
Wenn Sie eine Nische besetzen wollen, bevor Riedl es tut: schreiben Sie mir — ich antworte persönlich.
Quellen
¹ Spiegel-Bestsellerliste Ratgeber Essen & Trinken, Ausgabe 04/2026. Riedl-Titel auf Platz 1, 2, 4, 7 und 10. bestsellerliste.de
² Bibliografie Matthias Riedl. DNB listet 157 Einträge (alle Formate), Wikipedia verzeichnet ~70 distinct Titel. Erscheinungsdaten und Verlage verifiziert über Verlagsseiten und Buchdatenbanken. Wikipedia
³ Grönemeyer, D. (2024). Leben ohne Angst. Ludwig. — Grönemeyer, D. (2025). Demenz. Ludwig. ISBN 978-3-453-28169-1. — Grönemeyer, D. (2025). Natürlich altern! Fit bis 100. Südwest. ISBN 978-3-517-10423-2. — Grönemeyer, D. (2026). Meine Formel für einen gesunden Schlaf. Südwest. ISBN 978-3-517-10426-3.
⁴ Kast, B. (2024). Warum ich keinen Alkohol mehr trinke. C. Bertelsmann. — Kast, B. (2025). Lob des Unbequemen. C. Bertelsmann. — Kast, B. (2026). Der Vitamin- und Nährstoffkompass. C. Bertelsmann. Sachbuch HC #11 (Ausgabe 04/2026).
⁵ Michalsen, A. (2024). Ernährung. Meine Quintessenz. Insel. — Michalsen, A. (2025). Mein Mikrobiom-Masterplan. ZS. — Michalsen, A. (2025). Scheinfasten — mein Masterplan. ZS. Ratgeber #4 (Ausgabe 04/2026).
⁶ Hirschhausen, E. v. (2025). Der Pinguin, der fliegen lernte. dtv. Ratgeber #1 2025, Jahresbestseller. bestsellerliste.de
⁷ Enders, G. (2025). Organisch. Ullstein. Spiegel-Jahresbestseller 2025, Sachbuch #1. Vorgänger Darm mit Charme (2014): über 3 Mio. Exemplare in Deutschland.
⁸ Adler, Y. (2025). Genial ernährt! Droemer. Spiegel #1.
⁹ Bestsellerlisten Ausgabe 04/2026 (Spiegel Sachbuch HC, PB, TB; Ratgeber; Essen & Trinken). Fleck, Kleine-Gunk, Blech, Bauer und Spitzer in keiner aktuellen Liste vertreten. bestsellerliste.de
¹⁰ Verlagszuordnungen verifiziert über penguin.de, gu.de, zs-verlag.com, suhrkamp.de (Insel). Riedl: ZS + GU. Grönemeyer: Ludwig + Südwest. Michalsen: Insel + ZS.
¹¹ Schürmann, C. (2026). Medizinisches Sachbuch 2026: Wo es voll wird — und wo noch niemand ist. drschuermann.com
¹² Attia, P. (2023). Outlive. Harmony Books. — Walker, M. (2017). Why We Sleep. Scribner. — Huberman, A. Protocols. Penguin Life (angekündigt September 2026, mehrfach verschoben). Monetarisierungsmodelle verifiziert über Autorenwebsites.
¹³ Börsenverein des Deutschen Buchhandels (2025). Wirtschaftszahlen Warengruppen 2024. Ratgeber −4,5% Marktanteil. boersenverein.de — buchmarkt.de (2026). Ratgeber −7,0% 2025. buchmarkt.de
¹⁴ Börsenverein des Deutschen Buchhandels (2025). Buchproduktion. 2015: 89.506 Titel, 2024: 65.717 Titel (−26,6%). boersenverein.de
Methodik: Systematische Erhebung über 7 Datenquellen — 15-Autoren-Scan mit Publikationshistorie 2015–2026, Spiegel-Bestsellerlisten, Verlagsprogramme (ZS, GU, Ludwig, Südwest, Ullstein, dtv, Droemer u.a.), Branchenmedien, Amazon.de, Buchdatenbanken, US-Autorenvergleich. Jede These wurde einer systematischen Gegenprüfung unterzogen: Die Gegenthese „Ein Buch reicht” wurde an fünf Einzelfällen geprüft und als Sonderbedingung (TV-Marke oder Kategorie-Gründerstatus) identifiziert.
Dr. Christof Schürmann entwickelt quellenbasierte Sachbücher mit KI — für Fachautoren und Unternehmen, denen Genauigkeit wichtig ist. Mehr unter drschuermann.com/leistung